Kathleen Knauer

Texte

Barbados, Ausstellung im Kunstverein Schwetzingen, 2016

Eigentlich wollte Kathleen Knauer 2014 gar nicht auf die Kleinen Antillen fliegen, sondern nach Mexiko. Doch die Reise kam irgendwie nicht zustande. Übrig blieb ein Gutschein für eine weitere Fernreise, so dass die Wahl eher zufällig auf die atlantische Insel Barbados fiel. Schon vorher hatte die Malerin Paris, Barcelona, New York und andere inspirierende Orte dieser Welt bereist und dort ihre Eindrücke gesammelt. So wie andere Menschen Fotos und Videos von einer Reise machen, gelingt es Kathleen Knauer, innere Bilder in ihrem Gedächtnis und ihrer Phantasie zu speichern. Wieder zurück im Mannheimer Atelier werden sie neu belebt und auf eine Leinwand oder ein Papier gebracht. Jedes Bild wird zunächst mit einer malerischen Grundierung versehen, die sich als eine Art Farbraum generiert, der gerne auch einen realen Raum oder eine Landschaft mit Horizont darstellen kann. So wie bei den Paris-Bildern ein eher mitteleuropäisches Grau die Grundlage bildet und in New York die bunten Lichter einer Weltstadt, sind die Barbados-Bilder in der Regel von sehr sonnigen und tropischen Farben beherrscht. Hinzu kommen die Farben der Natur, des Meeres und seiner Buchten, der Fauna und Flora wie auch der Erde im Landesinneren. Ist diese erste Hintergrundschicht trocken, kommt ein zweiter, sehr intensiver Malprozess in Gang. Man könnte ihn als eine gestische Malerei bezeichnen, die mit ihren frei entfesselten Formen und Farben an das Action-painting der 60-er Jahre erinnert. Sie ist aber weniger aggressiv als damals und ästhetisch durchaus kalkuliert. Der Zufall spielt natürlich eine große Rolle, weil sich solche Farbspritzer und Farbschüttungen nie ganz beherrschen lassen und Überraschungen zwangsläufig sind. Eine lange Sammlung und Meditation geht jeder Aktion voraus, so dass der Zufall gelenkt wird. Das ist die Kunst. Darüber hinaus verlassen die meisten Bilder die reine Abstraktion und verweisen auf die Wirklichkeit. So können einige Bilder fast real von einem Vulkanausbruch erzählen, einer Meeresbrandung oder dem Blick auf ein Korallenriff. So entstehen überraschend erzählfreudige Reisebilder und poetische Assoziationsräume, die hoffen lassen, dass die Künstlerin noch viele weitere Fernreisen unternehmen wird.

                                              Dr. Dietmar Schuth, 2016
Leiter Kunstverein Schwetzingen

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Kathleen Knauer malt ihre Bilder nicht in einem kontinuierlichen Arbeitsgang. Ihre Werke entstehen grundsätzlich in mehreren Phasen. Zunächst wird eine Art Fond hergestellt, ein Farbgrund, der aber nicht monochrom ausfällt, sondern schon für sich eine lebendige Malerei verkörpert. Aus gestischer Pinselführung formen sich komplexe Bildgründe, die Farbräume herstellen mit einem deutlich wahrnehmbaren Vorne und Hinten. Die Bilder haben also Raumtiefe, sie spielen mit Licht- und Schattenfeldern, mit körperhaftem Kolorit. Diese Farblandschaften können ein ruhiges Gepräge haben oder einen aufgewühlten Eindruck machen: obwohl gegenstandsfrei, scheint das Farbgeschehen in diesen Bildgründen ausgesprochen beredt zu sein. Kathleen Knauer hat dafür das schöne Bild der Bühne, des Schauplatzes gefunden.

Wenn dieser geschaffen ist, tritt die Malerin auch körperlich in Aktion. Mit viel Konzentration versetzt sie sich in einen energetischen Zustand, der Körperspannung aufbauen soll. In völligem Einklang mit sich erfolgt dann quasi eruptiv das spontane Dripping, die Geste, mit der Farbe über das begonnene Bild geschleudert wird. Das Schwierige und zugleich Herausfordernde ist, dass es keine Korrekturmöglichkeit gibt: der Farbschmiss sitzt oder das Bild ist verloren!

So bauen sich die Arbeiten immer aus zwei oder mehr Bildebenen auf, die oft in sich autark sind, aber dennoch im Wechselspiel mit den anderen. Die deutliche Trennung der Bildebenen ist geradezu räumlich erfahrbar und zugleich das Unverwechselbare an der Malerei Kathleen Knauers.

Dr. Juliane Huber, 2012
Rektorin Freie Kunstakademie Mannheim

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Die Geste ist das malerische Grundelement schlechthin: Ob sie sich dem Bildganzen unterordnet wie z.B. bei Velázquez oder im Farbganzen verschwindet wie bei Barnett Newman oder ob sie, wie z.B. bei Hans Hartung, zum alleinigen Bildgegenstand wird.

Kathleen Knauer schafft einen neuen Ansatz für das Auftreten der Geste. In ihren Bildern lässt sie zunächst einen Farb-Raum entstehen, der die ihm eigene Geste fordert, gleich einer Vollendung. Es mutet uns an, als fände Kathleen Knauer die Welt in ihrer Unvollkommenheit, als führte sie diese Welt durch sich hindurch, gleich einem tiefen, tiefen Einatmen – um dann, dem Ausatmen gleich, mit einer Geste jene Harmonie zu schaffen, die der Betrachter in etwa so empfinden mag: Endlich!

Michael Witlatschil, 2010
Dozent Freie Kunstakademie Mannheim

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Ohne Zweifel stehen die meist großformatigen Arbeiten von Kathleen Knauer in der Tradition des abstrakten Expressionismus bzw. der informellen Malerei. Der Arbeitsprozess unterliegt keinen starren Regeln. Ausgangspunkt ist stets die Farbe in ihrer Expressivität und Materialität. Der Malakt selbst hält den Spannungsbogen zwischen spontan gesetzten rein gestischen Akzenten, mit wohlüberlegten kompositorischen Strukturen. Stille Passagen korrespondieren mit bildgesetzten Farbakzenten, die mit dem Zufall experimentieren. Offene und geschlossene Formen, malerische und grafische Elemente, Lasuren und pastoser Farbauftrag, Komplementär-, Warm-, Kalt-Kontraste ergeben so einen Spannungsaufbau innerhalb des Bildes, der auch die Emotionalität der Künstlerin widerspiegelt. Bei all diesen dualistischen kompositorischen Verfahren steht allerdings immer die Auseinandersetzung mit Farbe und ihrer Materialität
im Vordergrund. Die Farbmaterie, die zum Teil gestreichelt, dünn, dick, aggressiv, oder „liebevoll“ aufgetragen wird.
Gerade durch den extremen gestischen Farbauftrag produzieren die Gemälde eine Sprache, einen Farbtext, der nonverbal gelesen werden kann.

Werner Marx, 2009
Kunsthalle Mannheim

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